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Roncalli kommt: Weihnachtszirkus geht in die vierte Runde

(eb/pr) Osnabrück, 12. Dezember 2017 / Bereits zum vierten Mal in Folge schlägt der Kölner Kultcircus Roncalli in diesem Jahr zu Weihnachten seine Zelte an der Halle Gartlage auf. Vom 21. Dezember bis 2. Januar besteht die Chance, sich von der Zirkuswelt verzaubern zu lassen – mit einem komplett neuen Programm. Am Mittwoch, 13. Dezember (11.30 Uhr), wird erst einmal der hauseigene Roncal...

Stadt & Land

Villa Schlikker soll Calmeyer-Museum werden

''Gerechter unter den Völkern'' Hans Calmeyer. © für Abbildung: PR; Quelle: Stadt OS; Aufnahme:  Niedersächsisches Staatsarchiv, Standort Osnabrück(eb) Osnabrück, 7. Dezember 2017 / Oskar Schindler ist spätestens seit der Verfilmung seiner Lebensgeschichte vielen Menschen bekannt. Eher unbekannt ist hingegen, dass es auch einen Osnabrücker "Schindler" gab: Der Rechtsanwalt Hans Calmeyer rettete in den Niederlanden zahlreichen Menschen durch seine Abstammungsentscheidungen das Leben. Wie jetzt bekannt wurde, hat der Rat der Stadt Osnabrück in seiner jüngsten Sitzung am 5. Dezember beschieden, dass für die Villa Schlikker "ein Konzept im Sinne eines Hans-Calmeyer-Hauses entwickelt" werden soll.

Eine späte Würdigung eines nahezu in Vergessenheit geratenen Sohnes der Friedensstadt: Anfang der dreißiger Jahre ließ sich der 1903 als Sohn eines Richters geborene Hans Calmeyer als Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt Osnabrück nieder. Die Nationalsozialisten verhängten nach der Machtübernahme ein einjähriges Berufsverbot über ihn, weil er sich geweigert hatte, eine jüdische Kanzleigehilfin zu entlassen. Als Deutschland 1940 die Niederlande besetzte, geriet Calmeyer wegen seiner guten Sprachkenntnisse und der juristischen Vorbildung als Referent in das Reichskommissariat für die Niederlande.

Der Jurist und erklärte Nazi-Gegner Calmeyer nutzte seine Stellung als Referent zur Klärung rassischer Zweifelsfälle bei der deutschen Besatzungsverwaltung in Den Haag aus, um - wie er selbst sagte - "ein Rettungsfloß zu bauen". Seine Sabotage der "Endlösung" beschrieb die Wochenzeitschrift "Die Zeit" in einem Dossier über "Die anderen Schindlers" (1. April 1994): "Sein Büro war nichts anderes als eine amtliche Fälscherwerkstatt. Mit grotesken bürokratischen Tricks und Schwindeleien 'entsternte' er Juden." Calmeyer akzeptierte gefälschte Abstammungsnachweise, um Juden zu Halbjuden, Vierteljuden oder Ariern zu erklären und so vor einem Abtransport in ein Vernichtungslager zu bewahren.

Dokumentiert ist das Rettungswerk von Hans-Georg Calmeyer im Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Danach bewahrte Calmeyer mindestens 2.899, wahrscheinlicher 5.000, Juden vor dem Tode. Außerdem erforschte das Wirken Hans Calmeyers seit den späten 1980er Jahren insbesondere der Osnabrücker Lehrer Peter Niebaum, bis zu seinem Tod im Jahr 2013 zugleich Vorsitzender der Hans Calmeyer-Initiative. Laut seinen Ergebnissen liegen die tatsächlichen Zahlen der Geretteten vermutlich noch viel höher.

Der Staat Israel ehrte den mutigen Humanisten aus Osnabrück, der völlig in Vergessenheit geraten war, 1992 posthum mit der Verleihung des Ehrentitels "Gerechter unter den Völkern". Die Stadt Osnabrück würdigte Calmeyers menschliche Größe 1995 mit der höchsten Auszeichnung, die sie zu vergeben hat - der Möser-Medaille. Im Oktober 2001 ist im Verlag Rasch Edition eine Biografie über Hans Calmeyer mit dem Titel "Ein Gerechter unter den Völkern" erschienen. Seit 2012 erinnert eine Gedenktafel am Geburtshaus von Hans Georg Calmeyer an der Martinistraße 17 an dessen beispielloses Wirken, an das durchaus in größerem Umfang erinnert werden sollte.

Die Villa Schlikker war zwischen 1932 und 1945 Sitz der NSDAP in Osnabrück. © für Abbildung: PR; Quelle: Stadt OSDies würde gerade in der Villa Schlikker einen Sinn ergeben; wie es dem Antrag der Ratsfraktion der Linken zu entnehmen war, soll mit der Neukonzeption der wechselvollen Geschichte des Hauses Rechnung getragen werden: "Das heißt, dass eine zukünftige Ausstellung neben Calmeyer als positivem Vorbild auch die Geschichte der Familie Schlikker und ihre Rolle im Nationalsozialismus sowie die Rolle des Hauses als NSDAP-Parteizentrale beinhalten soll, um so das Wirken der Nationalsozialisten in Osnabrück darzustellen".

Die Villa Schlikker wurde im Jahr 1900 von seinem namensgebenden Bauherrn Edo Floris Schlikker errichtet, der dieses Gebäude als sein Wohnhaus am damaligen Kanzlerwall nutzte. Der Bauherr war es auch, der während seiner Tätigkeit als Bankier in London den Nutzen von Dampfmaschinen für Textilbetriebe erkannt hatte und dafür sorgte, dass in Schüttorf 1865 / 66 die erste Dampfmaschine mit mechanischen Webstühlen errichtet wurde. Dank dieser Investition wurde die Firma "Schlikker und Söhne" die größte Textilfirma des damaligen Kammerbezirkes Osnabrück.
 
Nach seinem Tod ging die Villa in den Besitz seines Sohnes Dr. Gerhard Schlikker über. Dieser stellte sie in den Jahren 1930 / 31 aus bisher ungeklärten Gründen - offenbar unfreiwillig - der NSDAP zur Verfügung. Von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Villa Schlikker die Verwaltungszentrale der Nationalsozialistischen Partei in Osnabrück. Die britische Besatzung nutzte die Villa nach dem Zweiten Weltkrieg als Stadtkommandantur, erst 1959 wurde sie der Stadt Osnabrück übergeben.

Dort wurden ab 1961 die naturkundlichen Sammlungen eingerichtet und 1963 eröffnet. 1970 erhielt das Gebäude als Naturwissenschaftliches Museum seine Eigenständigkeit. Nach dem Umzug des heutigen Museums für Natur und Umwelt 1988 auf den Schölerberg wurde die Villa Schlikker restauriert und unter Denkmalschutz gestellt und die Volkskundliche Abteilung des kulturgeschichtlichen Museums fand hier ihre Präsentationsräume.

Seit 2004 beherbergt die Villa Schlikker als "Haus der Erinnerungen" die Alltagskultur des 20. Jahrhunderts. Alltagsgegenstände, die ihrem normalen Lebenskreislauf entzogen wurden und die im Museum "Träger" von Geschichte(n) werden. Sie transportieren Erlebnisse und Schicksale von Menschen, die in Osnabrück gelebt, gelacht und gelitten haben. Regelmäßig finden in der Villa Schlikker Veranstaltungen zur Vortragsreihe "Topografien des Terrors – Nationalsozialismus vor Ort" statt.

Nun soll zunächst ein Kosten- / Finanzierungsplan für die inhaltliche Konzeption und Umsetzung eines "Hans-Calmeyer-Hauses" entwickelt sowie für die für die konzeptionelle Beratung einen wissenschaftlichen Beirat einberufen werden.
 
Hans-Calmeyer-Initiative

Villa Schlikker


 

 


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